Plexuskinder e.V. : Informationen, Ratschläge, Unterstützung für Menschen mit einer Plexusparese
Plexuskinder e.V. : Informationen, Ratschläge, Unterstützung für Menschen mit einer Plexusparese

Informationen für Betroffene und Eltern von betroffenen Kindern

Begriffe und Definition:

  • Plexusparese
  • kindliche Plexusparese
  • Armplexusparese
  • Armlähmung
  • geburtstraumatische Plexusparese
  • geburtstraumatische Plexuslähmung
  • Armplexuslähmung
  • Plexus brachialis Verletzung
  • Erbsche Lähmung
  • Erbsche Parese
  • Brachial plexus injury
  • Brachial plexus lesion
  • Brachial plexus palsy
  • Obstetrical brachial plexus injury
  • Obstetrical brachial plexus palsy
  • OBPI
  • BPI
  • Erb’s palsy
  • Erb-Duchenne palsy

Eine Plexusparese ist eine Lähmung durch eine Verletzung der Nerven an der Halsseite. Diese Nerven versorgen die Schulterregion und den gesamten Arm mit Gefühl und Bewegungsimpulsen für die Muskeln.

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Medizinisches Fachbuch „Bewegungsstörungen der oberen Extremität bei Kindern„, Herausgeber Dr. Jörg Bahm, im Springer Verlag erschienen.
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Inhaltsverzeichnis
Mit Beiträgen von Mirjam Mahler, betroffene Mutter und Vorsitzende von Plexuskinder e.V.


Ist unmittelbar nach der Geburt ein Arm Ihres neugeborenen Kindes von der Bewegung her schwach oder komplett gelähmt, könnte Ihr Kind eine geburtsassoziierte Verletzung des Plexus brachialis Nervengeflechtes erlitten haben.

Das Nervengeflecht an der seitlichen Halsseite versorgt die Schulterregion und den gesamten Arm mit Gefühl (Sensibilität) und Bewegungsimpulsen für die Muskeln (Motorik). Ursächlich für diese – in den allermeisten Fällen einseitige – Nervenverletzung ist eine Überdehnung in der Halsregion unter der Geburt; selten kann es durch an den Nerven auftretende Zugkräfte sogar zur Zerreißung dieses Nervengeflechtes am Hals kommen. Ursächlich für diese Verletzung kann z. B. eine Notfallsituation mit Blockade der Schulterregion im Geburtskanal (sogenannte Schulterdystokie) sein. Dabei kann es auch zu einem Bruch des Schlüsselbeins kommen; ein solcher Bruch erfordert aber praktisch nie ein Eingreifen, sondern heilt bei Neugeborenen zumeist rasch von alleine gut aus.

Die meisten dieser Verletzungen sind Dehnungen der Nerven mit vorübergehenden Beeinträchtigungen der Armbewegung. Diese Kinder sind nur leicht betroffen, erholen sich zumeist schnell vollständig oder fast vollständig und haben somit meist keine funktionellen Einschränkungen. Andere Kinder sind schwerer von anhaltenden Störungen der Bewegung und der Sensibilität des Armes betroffen und müssen langfristig therapiert und eventuell auch operiert werden. In den seltenen schweren Fällen können erhebliche Beeinträchtigungen durch permanente Lähmungserscheinungen, Muskelungleichgewichte und Wachstumsstörungen bleiben.

Bei einem Verdacht auf einen Nervenausriss, wenn ein oder beide Arme vollständig gelähmt wirken und / oder keine Finger/Handfunktion erkennbar ist, sollte der Kontakt zu einem erfahrenen Chirurgen sehr zeitnah erfolgen, da schon in den ersten Lebensmonaten eine Operationsindikation angebracht sein kann, um frühzeitig eine Rekonstruktion zur ermöglichen und dadurch ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen.

In den schweren Fällen bleiben allerdings erhebliche Defizite durch permanente Lähmungserscheinungen, Muskelungleichgewichte und Wachstumsstörungen.

Eine Verletzung des Plexus brachialis kann folgendes bewirken:

Mögliche Langzeitauswirkung einer dauerhaft unbehandelten Verletzung des Plexus brachialis

  • schlaffe Lähmung einer oder mehrerer Muskeln am Arm, niedrige Muskelspannung
  • Funktionseinbußen bei Bewegungen an Schulter, Oberarm, Unterarm und Hand
  • Muskelschwund und Verschmächtigung des Armes
  • Minderung oder Erlöschen der Muskeleigenreflexe
  • veränderte Entwicklung des Körperschemas
  • Entwicklungsstörungen des benachbarten Skelettgerüstes an Schultergürtel, Wirbelsäule bis hin zu Veränderungen im Gleichgewicht des Beckens
  • Bindegewebiger Abbau der nicht mit Nerven versorgten Muskeln bis hin zum Gewebeverlust
  • vegetative Störungen (Durchblutungsregulierung bei Temperaturschwankungen) und veränderte Schweißbildung, Schmerzen bei Erkältungssymptomen
  • Minderentwicklung der Extremität
  • Gefühlsstörungen in verschiedenen betroffenen Hautarealen

Wichtiger Hinweis: 

Die Informationen auf Plexuskinder.de und in der Plexusfibel sollen Betroffene und ihre Angehörigen über das Krankheitsbild geburtstraumatische Plexusparese informieren und aufklären. Nicht alle Hinweise treffen auf alle Betroffenen zu und nicht alle Tipps und Ratschläge sind allgemein gültig.  Bitte konsultieren Sie einen Arzt und verwenden Sie diese Informationen nicht als einzige Informationsquelle für die Behandlung. 


Verletzungsarten

Die jeweiligen Nervenanteile im Plexus brachialis können gedehnt werden, bei größerer und lang anhaltender Traktion entstehen Einrisse, Zerreißungen oder sogar Ausrisse der Nervenwurzeln in der Region des Rückenmarks. Anschließend „versucht“ der Körper eine Regeneration der Nervenfasern, indem er, ausgehend von den vor der Verletzung liegenden Nervenzellen, neues Nervenmaterial über die Verletzungszone bringen will. Gelingt dies, kommt es zu einer schrittweisen Reinnervation, d. h. funktionellen Erholung. Gelingt dies durch das Ausmaß der Verletzung und der Zerreißung nicht, bleibt die Muskulatur ohne Nervenversorgung und baut sich ab. Der Nerv bildet ein sogenanntes Neurom, welches keine Nervenfunktion ermöglicht. Im Falle eines Nervenwurzelausrisses kommt es zu keinerlei Regeneration. Die verschiedenen Erscheinungsbilder sind unterschiedlich je nach Anzahl und Schwere der betroffenen Nerven.

Bei Kindern handelt es sich meist um eine Verletzung der beiden oberen Nervenwurzeln (C5/C6 und ggf. C7) mit Lähmungen im Bereich von Schulter und Oberarm, sowie die vollständige Lähmung (alle fünf Plexuswurzeln wurden verletzt) mit mehr oder weniger vollständiger Lähmung der Extremität und entsprechenden Sensibilitätsstörungen.

Bei einem Verdacht auf einen Nervenausriss, wenn ein oder beide Arme vollständig gelähmt wirken und / oder keine Finger/Handfunktion erkennbar ist, sollte der Kontakt zu einem erfahrenen Chirurgen sehr zeitnah erfolgen, da schon in den ersten Lebensmonaten eine Operationsindikation angebracht sein kann, um frühzeitig eine Rekonstruktion zur ermöglichen und dadurch ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen.

Die Verletzungshöhe liegt im Bereich des so genannten Truncus superior und medius (Konfluenz der Nervenwurzeln) bzw. im Bereich aller drei Trunci bei der kompletten Läsion.

Aufgrund der unterschiedlichen Verletzungsmuster und der unterschiedlichen Erholungsfähigkeit gibt es auch sehr individuelle Symptome und Lähmungserscheinungen.

Zur Anatomie des Plexus brachialis, seiner Verästelungen und der Funktion der einzelnen Nerven finden Sie z.B. bei Wikipedia weitere Informationen.

Schulterdystokie

Die Schulterdystokie ist ein seltener, unvorhersehbarer geburtshilflicher Notfall. Wird das Problem nicht umgehend und in geeigneter Weise gelöst, sind schwere Schädigungen von Mutter und Kind unausweichlich.

Die Schulterdystokie entsteht, wenn nach der Geburt des kindlichen Kopfes die vordere Schulter des Kindes an der Symphyse (Schambeinfuge) hängen bleibt. Die Schultern und damit der Körper des Kindes stecken fest. Dem Kind droht Sauerstoffmangel sowie Schäden durch die nicht selten forcierten und eventuell unsachgemäße Entwicklungsversuche. Mögliche Komplikationen für das Kind sind Asphyxie, Nervenläsionen, Skelettverletzungen und Weichteilverletzungen. Bei der Mutter können Weichteilverletzungen, hoher Blutverlust und Uterusruptur auftreten.

Die Schulterdystokie kommt bei großen Kindern übergewichtiger oder diabetischer Mütter häufiger vor. Jedoch treten mehr als die Hälfte aller Schulterdystokien bei einem Geburtsgewicht von unter 4.000 g auf. Auch werden Schulterdystokien ohne Vorliegen eines Risikofaktors gesehen.

Durch die Anwendung verschiedener Manöver nach einem vorher festgelegten Notfallplan gelingt bei der Schulterdystokie in den meisten Fällen eine Lösung. Zwar erreicht das richtige Vorgehen eine drastische Reduktion der kindlichen Mortalität, jedoch sind schwere kindliche Verletzungen trotz des richtigen Vorgehens nicht immer zu vermeiden.

Nach einer vorausgehenden Schulterdystokie steigt das Risiko einer erneuten Geburtskomplikation deutlich und sollte in der Risikoeinschätzung berücksichtigt werden. Eine Aufklärung zur Sectio sollte erfolgen.

Das Auftreten einer Schulterdystokie und einer möglichen Plexusverletzung bedeutet nicht zwingend, das hier auch ein ärztlicher Kunstfehler vorliegt. Mögliche Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche des Kindes und / oder der Mutter müssen immer im Einzelfall begründet werden. Hiefür sollte unbedingt ein Spezialist in Arzthaftungsrecht konsultiert werden.

In den Links befindet sich ein Verweis auf ein Video das die Schulterdystokie schematisch darstellt.

Siehe auch die Informationen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) zur Schulterdystokie (Begriff in Suchfeld eintragen).

Diagnose

Wenn nicht bereits im Krankenhaus / bei der Geburt bemerkt, stellt in der Regel der Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung (U2) die Diagnose. Dabei ist wichtig, dass das Ausmaß der Verletzung nicht immer sofort ersichtlich ist und eine Diagnose daher möglicherweise erst später gestellt werden kann. Dabei ist die klinische Untersuchung mit Beobachtung der Bewegungsmöglichkeiten des Kindes führend. Weiterführende Untersuchungen können in manchen Fällen hilfreich sein, sind aber entsprechend als Ergänzungen zu betrachten.

Das Kind muss so schnell wie möglich bei einem Physiotherapeut mit Erfahrungen mit neuronalen Schäden bei Kindern vorgestellt werden. Sollte in der Nähe Ihres Wohnortes ein Sozialpädiatrisches Zentrum sollten Sie ihr Kind dort vorstellen. Weitere Informationen finden Sie auch auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin.

Der Kontakt zu einem erfahrenen Chirurgen sollte ebenfalls zeitnah erfolgen, da bei einem schweren Schaden schon in den ersten Lebensmonaten eine Operationsindikation angebracht sein kann um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Siehe Kontakt. 

Und jetzt ?

Wie ein Puzzle das aus vielen Teilen besteht tragen viele Faktoren dazu bei das Bestmögliche aus der Situation zu machen und dem Kind eine hohe Lebensqualität zu ermöglichen. Krankengymnastik, Ergotherapie, Chirurgie, Orthopädie, Übungen im Alltag, Therapie zu Hause, Umgang mit der Behinderung, mentale Einstellung zum Problem, Charakter des Kindes, Umfeld, Kindergarten und Schule, Freunde und auch nicht zuletzt auch Glück sind alles Teile dieses Puzzles.

Als Eltern müssen Sie die Interessen Ihres Kindes vertreten und sich für das Kind einsetzen, auch wenn dies nicht immer leicht ist. Die Fachleute decken immer nur Ihr Schwerpunktgebiet ab, werden aber selten alle Bereich miteinbeziehen können.

Als medizinischer Begleiter sollte neben dem Kinderarzt, der zwar viele Kinder betreut aber vermutlich nur sehr wenige mit einem Plexusschaden kennt, der erfahrene Plexuschirurg sowie falls vor Ort vorhanden das betreuende Sozialpädiatrische Zentrum fungieren.

In der laufenden Entwicklung werden sich immer wieder neue Fragen stellen, wie z.B. Schäden an der Wirbelsäule, Händigkeit, Körperschema, Sport usw. die geklärt werden müssen. Hier ist der Kontakt zu anderen Betroffenen besonders wichtig.

Es ist fast unmöglich eine Prognose über die mögliche Erholung des Kindes zu machen. Die meisten erholen sich gut, aber einige tragen bleibende Schäden davon die von der Schwere der Nervenverletzung abhängig sind.

Das Leben des Kinder ist ähnlich aber ein bisschen anders als das Leben ohne diese Verletzung. Einige Berufe und Tätigkeiten und einige Handgriffe des Alltags sind je nach Art der Verletzung schwierig bis unmöglich. Die Kinder finden meist einen Weg Alltagsprobleme zu lösen.

Nach der Geburt

Um Schmerzen zu vermeiden und zusätzlichen Zug auf den Plexus zu reduzieren, wird empfohlen, in den ersten 10 Tage den Arm in einer 90 Grad Ellenbogenbeugung am Oberkörper zu befestigen, z. B. durch eine entsprechende Fixierung des Armes mit einem Klebeband, einem Verband oder in einer Schlinge. Das gilt auch für Kinder mit einer Clavicula-Fraktur, bei denen der Arm nicht seitlich oder nach hinten abgewinkelt werden sollte. Dies kann den Eltern durch Physiotherapeuten oder Pflegekräfte gezeigt werden.

Alternativ wird zwischenzeitlich eine kürzere Ruhigstellung sowie die Anleitung der Eltern zur Durchführung von passiven Bewegungsübungen (PROM) für die Schulter zur effektiven Vermeidung der glenohumeralen Dysplasie empfohle

Bei der Versorgung des Kindes sollte besonders darauf geachtet werden, dass kein Zug auf den betroffenen Arm ausgeübt wird.

Weitere Hinweise zum Umgang mit dem Kind und zur Behandlung müssen vom Kinderarzt oder Physiotherapeut erfolgen.

Praktische Tipps

  • nicht am Arm ziehen, den Arm nicht über den Kopf ziehen
  • weite Kleidung wählen, Kleidung nicht über den Kopf ziehen
  • immer zunächst die betroffene Seite anziehen und zuerst die die nicht-betroffene Seite ausziehen
  • beim Baden die Schulter ruhig halten, den betroffenen Arm sanft über der Brust oder dem Bauch halten
  • den Arm und die Achsel vorsichtig waschen und abtrocknen ohne diesen über den Kopf zu heben
  • darauf achten, dass in den Hautfalten keine Wunden entstehen
  • den Arm beim Füttern und Stillen sanft über die Brust oder den Bauch legen, verschiedene Haltungen ausprobieren, ggf. Stillberatung anbieten
  • auf den Rücken schlafen lassen, eventuell ein weiches Tuch aufrollen und den Arm darauf sanft abstützen
  • in Seiten- oder Bauchlage die Armhaltung bei Bedarf korrigieren, nur kurze Zeit auf die betroffene Seite legen
  • beim Hochnehmen und Tragen den Arm sanft unterstützen, vermeiden dass er herunterhängt
  • Kopfdrehung und Lagerung in Richtung des lädierten Plexus um Körperwahrnehmung zu schulen, viel von der betroffenen Seite aus ansprechen, Blickkontakt zu Arm/Hand aufbauen
  • im Alltag den Arm und die Hand einbeziehen, streicheln, massieren, stimulieren

Nachsorge – Informationen für Hebammen

Bei der Nachsorge bei einer Schulterdystokie, einem Verdacht auf oder einer diagnostizierten Plexusparese ist das Erkennen der Verletzung, die fachgerechte Versorgung des Kindes, die sofortige Aufnahme der Physiotherapie und die zeitnahe Vorstellung bei einem Spezialisten für Plexuschirurgie bei einem Verdacht auf einen Nervenausriss essenziell.

Eine umfangreiche Verletzung mit Nervenzerreißung kann eine Operation erfordern. Anschließend sind rehabilitative Maßnahmen notwendig. Das Zeitfenster für diese Operationen ist begrenzt.

Physiotherapie

Wichtig für das Kind ist eine dauerhafte und konsequente Krankengymnastik die bereits in der zweiten/dritten Lebenswoche beginnen sollte.

Umgehend nach der Geburt sollen die Eltern eine, wenn möglich auf Babys und Kleinkinder spezialisierte Physiotherapiepraxis aufsuchen, in der auf neurophysiologischer Basis behandelt wird. Üblicherweise halten die Praxen kurzfristig Termine für Neugeborene frei.

Ziele der Therapie sind:

  • Muskelfunktion aufbauen und erhalten
  • Muskelverkürzungen (Kontrakturen) und Bewegungseinschränkungen vermeiden
  • Stimulation des betroffenen Muskels und Integration der betroffenen Extremität in das Körperschema
  • Passive Bewegungsübungen PROM durch die Eltern gemäß Anleitung der Physiotherapeuten, um das noch knorpelige Schultergelenk in seiner Kugelform zu erhalten (Grahn et al., 2023)
  • Unterstützung der motorischen Spontanentwicklung
  • Vermeidung von asymmetrischen Entwicklungen und Fehlhaltungen
  • Anleitung zur Lagerung, Handling, Heben, Tragen, Lagern, Spielen
  • Behandlung nach der akuten Phase unter Anleitung und eventuell Hilfestellungen durch Unterlagern ist sehr wichtig
  • Behandlung bis zur vollständigen! Remission wenn möglich bzw. natürlich entwicklungsbegleitend wenn keine vollständige Remission möglich

Der Physiotherapeut turnt je nach Bedarf regelmäßig mit dem Kind und weist dann die Eltern in die Übungen ein, die mehrmals täglich zu Hause durchgeführt werden müssen, da nur so der Muskelaufbau und die Erholung der Nervenfunktion erreicht werden kann. Die Übungen müssen immer wieder an die Entwicklung des Kindes angepasst werden. Der Physiotherapeut wird den Eltern auch Hinweise zur Lagerung und Umgang mit dem Kind (Handling) geben um nicht durch unsachgemäße Handhabung den Plexus noch zusätzlich zu schädigen. Ein Grundsatz ist zum Beispiel „Beim Anziehen betroffenen Arm zuerst rein, beim Ausziehen zuletzt raus.“

In Deutschland werden die neurophysiologischen Therapiekonzepte nach Bobath und/oder Vojta empfohlen, die der Kinderarzt verschreibt. Bobath und vor allem Vojta sind sehr intensive Therapieformen, die beim Kind, sogar schon beim Säugling, große Wiederstände erzeugt. Hier müssen die Eltern großes Vertrauen zum Krankengymnasten entwickeln und unbedingt Kontakt zu anderen Betroffenen suchen. Sprechen Sie ggf. über die auftretenden Ängste. Die Therapie sollte nicht leichtfertig abgebrochen werden, eine Änderung oder Unterbrechung der Therapie oder ein Wechsel des Therapeuten sollte bei grossen Problemen in Betracht gezogen werden.

Ergotherapie

Trotz guter, sensomotrischer Erholung kommt es häufig vor, dass der betroffene Arm nicht entsprechend seiner motorischen Möglichkeiten eingesetzt wird. Das Kind scheint ihn gar nicht wahrzunehmen. Hier handelt es sich um eine Störung des Körperschemas bei der Ergotherapie helfen kann. Siehe hierzu die Indikationen zur Verordnung von Ergotherapie im Kindesalter der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V.

Siehe hierzu auch im Bereich Download den Vortrag der Praxis für Ergotherapie Claudia Kliem, Potsdam.

Weitere Therapiemöglichkeiten

Darüber hinaus existieren noch orthopädische Hilfen, Schienen bzw. Orthesen, die durch die Plexusparese auftretende Belastungs- Fehlstellungen lindern helfen sollen. Diese können begleitend zur Therapie eingesetzt werden, stellen aber üblicherweise keinen Ersatz für eine Krankengymnastik bzw. einem chirurgischen Eingriff dar. Lassen Sie sich diesbezüglich von Ihrem Krankengymnasten und / oder Kinderarzt beraten. Eine Alternative zur Schiene bzw. zur Orthese stellt das sogenannte “Tapen” dar. Diese können wie im Sport besondere Belastungen des Muskeln und Gelenke vorzubeugen. Tapes werden oft auch von den Kindern als weniger belastend empfunden.

Botox

Botulinum Toxin ist ein von Bakterien gewonnenes Muskelgift, das für einen begrenzten Zeitraum die Reizstromübertragung aussetzt. Es wird seit Jahren bei spastischen Bewegungsstörungen benutzt und hat in den letzten Jahren durch die Behandlung von Mimikfalten auch in der Ästhetischen Chirurgie und der allgemeinen Presse an Bedeutung gewonnen.

Botox wird in der Behandlung von kindlichen Plexusparesen genutzt, um Muskelungleichgewichte zwischen so genannten Antagonisten (Muskeln mit gegenläufiger Funktion wie z. B. Ellenbogenbeuger und Ellenbogenstrecker) zu harmonisieren.

Konkret wird es bei gleichzeitiger Bewegungsaktivierung von Bizeps und Trizeps in der Ellenbogenregion und bei gleichzeitigen Kontraktionsmustern (Kokontraktionen) im Bereich der Schulter angesetzt.

Botox muss direkt und gezielt in den Muskel appliziert werden; dies gelingt bei kleinen Kindern nur im Rahmen einer Kurznarkose. Die Wirkung hält sechs Monate an; ein Wirkungsmaximum ist nach drei Monaten erreicht. Meistens genügen ein oder zwei Applikationen, um das Bewegungsmuster nachhaltig zu verbessern.

Operationen

Die Indikation zu den verschiedenen operativen Möglichkeiten bei schweren kindlichen Plexuslähmungen sollte früh festgelegt werden, deshalb ist es nützlich, dass Neugeborene mit einer spontan nicht erholenden kindlichen Plexusparese bereits mit drei Lebensmonaten vorzustellen. Nur so ist eine ausführliche Untersuchung mit anschließender Beratung möglich und es können die Weichen für die früh operiert sehr gut funktionierende Nervenrekonstruktion gestellt werden.

Bei vollständig gelähmter Extremität mit begleitender Augensymptomatik (fallendes Augenlid, kleinere Pupille im Sinne eines „Horner“zeichens) und schlaffer Extremität wird meist eine Operation mit drei Lebensmonaten empfohlen, da hier von sehr schweren Nervenzerreißungen der oberen Anteile und einem Ausriss der beiden unteren Plexuswurzeln auszugehen ist.

Die obere Erb’ sche Läsion wird anhand ihrer progressiven Erholung in Schulter-. und Oberarmmuskulatur beurteilt und hier eine Operation zwischen fünf und neun Monaten diskutiert.

Bei Kindern mit guter allgemeiner Erholung aber ausbleibender aktiver Außenrotation der Schulter sollte aufgrund der Notwendigkeit für das Schultergleichgewicht gerade diese Funktion elektiv angesteuert werden, sodass wir bei Kindern zwischen neun und achtzehn Monaten mit ausbleibender aktiver Außenrotation der Schulter den N. suprascapularis neu ansteuern.

Neben diesen klassischen Nerven wiederherstellenden Eingriffen gibt es für kleine und große Kinder ein großes Spektrum an so genannten Sekundäroperationen, die im wesentlichen aus Gelenklösungen, Muskel- bzw. Sehnenverlagerungen und in seltenen Einzelfällen auch aus späten Nervenrekonstruktionen (Minimalgefühl für schwerstverletzte, nicht operierte Arme) und freien Gewebetransfers (freier funktioneller Muskeltransfer mit Entnahme eines Spendermuskels aus dem Oberschenkel) bestehen.

Gerade um das Schultergelenk gibt es viele, auch mitunter früh zu indizierende Korrektureingriffe.

Größtes Problem ist eine progressive Innenrotationsfehlstellung der Schulter, die meist auf einem Ungleichgewicht zwischen den beginnend reinnervierenden Innenrotatoren und gelähmten Außenrotatoren der Schulter entsteht. Diese Fehlentwicklung mit Einschränkung der passiven Außenrotation der Schulter kann sowohl vom Physiotherapeuten, als auch vom Wiederherstellungschirurgen schnell erkannt werden; Physiotherapie ist die erste Maßnahme und falls über einen Zeitraum von sechs Monaten hier keine Besserung eintritt, sollte unbedingt eine operative Schulterlösung durchgeführt werden, um den Humeruskopf wieder ins Gelenk zu zentrieren.

Es geht hier nicht nur um ein muskuläres Ungleichgewicht, sondern um eine progressive Gelenkverschiebung mit einer Teilausrenkung des Humeruskopfes, die über längere Zeit wirklich zu einer Gelenkdeformierung mit bleibenden Wachstumsschäden führt.

Die anderen Sekundäreingriffe werden bei Kindern zwischen vier und dreizehn Jahren durchgeführt, im wesentlichen als Sehnen- bzw. als Muskelverlagerungen, um wesentliche Funktionen durch gut funktionierende Muskeln neu zu besetzen, z. B. die Fallhandstellung mit herabhängendem Handgelenk zu korrigieren, die Supinationsfehlstellung des Unterarmes, eine Beuge- oder Streckschwächung im Ellenbogen und insbesondere Bewegungsschwächen der Schulterregion mit mangelnder Abspreiz- bzw. Außenrotationsfähigkeit.

All diese Muskeloperationen machen nur so lange Sinn, wie kräftige Muskeln zur Verfügung stehen, diese auch später in der Lage sind, das Eigengewicht der wachsenden Extremität in die neuen Bewegungsstellungen zu bringen.

Diesbezüglich muss also vor dem zweiten Wachstumsschub der Pubertät gehandelt werden, da anschließend der Arm für die zur Verfügung stehenden Muskeln zu schwer wird.

Die meisten Sekundärkorrekturen bedürfen einer sechs wöchiger Ruhigstellung in einer Gips- bzw. Lagerungsschiene und einer gezielten physiotherapeutischen Nachbehandlung, die mitunter ein Jahr dauern kann.

Weitere detaillierte Auskünfte, die sich auch speziell auf das Krankheitsbild eines Kindes beziehen, werden in der fachspezifischen Sprechstunde erörtert.

Orthopädische Probleme

In der Entwicklung des Kindes können sich durch die veränderte Mechanik von Arm und Schulter Folgeschäden entwickeln, die wenn früh erkannt auch behoben oder zumindest gemildert werden können. Daher kann es wichtig sein das Kind in regelmäßigen Abständen Röntgenaufnahmen oder ein MRT (Kernspinn) durchzuführen um den Verlauf zu kontrollieren.

Auch das Gleichgewicht kann betroffen sein. Hier helfen Krankengymnastik und viele anregende Übungen im Alltag

Dokumentation

  • Die Eltern sollten die Krankenakte anfordern. Auch wenn sie diese nicht für rechtliche Schritte einsetzten wollen, ist es für Eltern und Kinder wichtig zu erfahren, was genau bei der Geburt passiert ist. Auch für eine eventuelle Vorstellung beim Chirurgen beinhaltet das Geburtsprotokoll gegebenenfalls wichtige Details.
  • Die Geburt sollte auch aus Elternsicht dokumentiert werden.
  • Die Entwicklung und Bewegungsabläufe sollten mit Fotos, Videoaufnahmen und einem Tagebuch dokumentiert werden.

Wie erkläre ich es meinem Kind? Wie erkläre ich es unserem Umfeld?

Das Plexuskind Herbie erzählt in unserer Kinderbuchreihe von seiner Plexusparese, seiner Operation und seinen Übungen.

Mit Hilfe von Herbie können betroffene Kinder und ihre Geschwister, Familie und Freunde besser verstehen, was eine Plexusparese ist und was ein Plexuskind anders macht.

Helfen Sie über die Plexusparese und ihre Folgen aufzuklären und geben Sie Herbie an Ärzten und Therapeuten, Hebammen, Erziehungs-, Lehr- und Betreuungskräften und vor allem an betroffene Familien weiter.

Herbie wurde von der Erb’s Palsy Group, dem Plexuskinder Verein aus Großbritannien, veröffentlicht. Die Erb’s Palsy Group hat Plexuskinder e.V. erlaubt die deutsche Adaption der Herbie Bücher zu veröffentlichen. Mehr Infos zur Herbie und zum Bestellformular

Sport

Grundsätzlich sind alle Sportarten möglich. In einer Studie die von der amerikanischen Selbsthilfegruppe UBPN veröffentlicht wurde, wurde das Verletzungsrisiko für verschiedene Sportarten untersucht. Dieses war erstaunlicherweise nicht höher als bei gesunden Kindern.

Schwimmen bietet ideale Voraussetzungen um Muskelaufbau zu gewährleisten und ohne Risiko viele Bewegungen auszuprobieren.

Ein Babyschwimmkurs macht fast jedem Kind viel Freude und bietet ideale Bedingungen um Kraft zu trainieren und durch die einfachere Bewegung im Wasser ein breites Bewegungsspektrum auszuprobieren und neue Reize anzubieten. Viele Schwimmbäder, Familienorganisationen, Vereine und Hebammenpraxen bieten solche Kurse an. In einigen Fällen keine eine spezielle Schwimmtherapie angebracht sein.

Rechtliche und finanzielle Aspekte

Plexuskinder.de kann keine umfassende Informationsplattform für komplexe Themen wie z.B. Behörden, Anträge, Versicherungen, Sozialrecht usw. bieten. Hierfür gibt es Gruppe, Vereine und Organisationen die sehr ausführlich und aktuelle über diese Themen informieren und auf die entsprechenden Behörden und Formulare verweisen. Eine Auswahl finden Sie in den Links.

Das Auftreten einer Schulterdystokie und einer möglichen Plexusverletzung bedeutet nicht zwingend, das hier auch ein ärztlicher Kunstfehler vorliegt. Mögliche Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche des Kindes und / oder der Mutter müssen immer im Einzelfall begründet werden. Hierfür sollte unbedingt ein Spezialist  in Arzthaftungsrecht konsultiert werden.

Einen Beitrag zur Problematik aus rechtlicher Sicht finden Sie in der Plexusfibel.

Bezeichnungen für den betroffenen Arm

Der betroffene Arm sollte möglichst nicht mit einer negativ besetzen Bezeichnung in Verbindung gebracht werden. Der Arm ist nicht krank, schwach oder kaputt. Er ist auch kein Bagger- oder Schaufelarm. Am einfachsten ist es sehr früh schon vom rechten / linken Arm zu sprechen und zu erklären dass dieser etwas anders funktioniert. Kindgerechte Darstellungen von Behinderung finden Sie auch in unseren Lesehinweisen.

Weitere Geburten nach einer Plexusparese

Nach einer vorausgehenden Schulterdystokie steigt das Risiko einer erneuten Geburtskomplikation deutlich und sollte in der Risikoeinschätzung berücksichtigt werden. Eine Aufklärung zur Sectio sollte erfolgen. Siehe Schulterdystokie.

Fallbeispiel A: Leichte Verletzung mit Überdehnung

Das Kind erholt sich unter regelmäßiger physiotherapeutischer Behandlung, Vorstellung bei einem Spezialisten für Plexuschirurgie nach 6 Monaten, keine OP erforderlich, Verlaufskontrolle in der Plexuschirurgie alle 12 Monate, die Behandlung wird fortgesetzt bis ins Vorschulalter. Danach bei Bedarf ergo- oder physiotherapeutische Unterstützung.

Fallbeispiel B: Schwere Verletzung, Nervenriss

Das Kind erholt sich nicht vollständig unter regelmäßiger physiotherapeutischer Behandlung, die Hand zu Mund Bewegung ist nicht möglich. Vorstellung bei einem Spezialisten für Plexuschirurgie nach 4 Monaten, OP mit 7 Monaten, Verlaufskontrolle in der Plexuschirurgie alle 6 Monate, kontinuierliche Behandlung, ggf. weitere Operationen und Therapien, zusätzlich Ergotherapie um die Bewegung im Alltag zu verbessern.

Fallbeispiel C: Ausriss der Nerven aus der Wirbelsäule

Umgehend Vorstellung bei einem Spezialisten für Plexuschirurgie, bei einem schweren Schaden kann schon in den ersten Lebensmonaten eine Operationsindikation angebracht sein, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Stehen nicht ausreichend intakte Nervenwurzeln des Plexus für eine umfassende Rekonstruktion zur Verfügung, sind eventuell Nerventransfers, also die Verlagerung von Nerven außerhalb des betroffenen Plexus brachialis, erforderlich.

Psychologische Betreuung

Die traumatische Geburt und eine mögliche Plexusparese belasten die Mütter, Väter und das gesamte Umfeld häufig sehr. Die Freude wurde durch den oft sehr dramatischen Geburtsverlauf und das ungewisse Ausmaß und den nicht absehbaren Verlauf der Verletzung des Kindes getrübt. Viele Mütter sind traumatisiert und haben starke Schuldgefühle. Die eigene Betroffenheit rückt in den Hintergrund, wird teils gar nicht wahrgenommen, verschwindet im Überlebensmodus oder wird bagatellisiert. Denn der Alltag mit dem Neugeborenen wird durch Therapie- und Untersuchungstermine und die tägliche oder sogar mehrfach tägliche Therapie zu Hause sehr belastet.

Das Erkennen der eigenen Belastung und die Hilfe für deren Bewältigung des Geburtstraumas und der möglichen Plexusparese kann von vielen Betroffenen nicht unmittelbar nach der Geburt, sondern erst nach einigen Wochen, Monaten oder sogar Jahren in Anspruch genommen werden. Der Kontakt zu den Familien sollte daher so lange wie möglich aufrecht gehalten werden

Um Betroffene, und das umfasst auch die Partner und ältere Geschwisterkinder zu unterstützen sollten Möglichkeiten zur Hilfe und Unterstützung im Alltag vorgestellt werden.

Lokale Netzwerkkenntnis in den Bereichen ambulante und stationäre Akut-Psychiatrie und Psychotherapie sind ebenso wichtig wie psychosoziale Hilfen und die Vernetzung mit der Selbsthilfe.

Der Kontakt zu anderen betroffenen Familien ist sehr hilfreich und sollte unbedingt gefördert werden.

Aktualisiert am 18.03.2026