Betroffene berichten – Jessica

Jessica ist Anfang 20 und arbeitet als Logopädin in Baden-Württemberg. Sie hat eine geburtstraumatische Plexusparese rechts und wurde als Kind operiert.

Jessica kann ihre rechte Hand nicht nach oben drehen, den Arm nicht nach oben oder nach hinten strecken. Der Arm ist viel kürzer und die Schulter steht höher. Sie kann keine schweren Dinge hochheben und merkt nicht, wenn sie sich z. B. verbrannt hat. Schmerzen hat sie nicht. Jessica hat bis sie 15 Jahre alt war regelmäßig Physiotherapie gemacht, hat dann ein paar Jahre pausiert und macht seit einigen Jahren wieder regelmäßig Physiotherapie. Diese ist ihr besonders für die Kraft im betroffenen Arm wichtig.

In ihrer schulischen und beruflichen Laufbahn hat Jessica versucht alles „auch so“ hinzubekommen und hat ihren eigenen Weg gesucht. Ihre Lehrer haben während ihrer Ausbildung teilweise beteuert „wir helfen“, doch in der Praxis war es meist nicht so. Sie kam sich oft alleine gelassen vor. Dies hat sie sehr selbständig gemacht. „Ich habe für mich Wege gefunden, wie ich das meistern kann.“

Da Jessica schon als Kind viele Therapien bekommen hatte, war ihr Wunsch andern Menschen zu helfen sehr groß. Ihren ersten Berufswunsch Polizistin konnte sie auf Grund der Plexusparese nicht umsetzen. Sie wollte dann Physiotherapeutin werden, musst dies aber aufgeben, da sie nicht in dem geforderten Umfang beidhändig arbeiten konnte.

Jessica wurde Logopädin (Logopäden behandeln Kinder und Erwachsene mit Sprach-, Sprech-, Stimm- und Schluckbeschwerden, z. B. wenn du einen Laut nicht richtig aussprechen kannst oder die Zunge beim Schlucken gegen die Zähne stößt. Logopäden helfen außerdem geistig und körperlich behinderten Kindern beim Erlernen der Kommunikation) und arbeitet in einer Praxis. Sie behandelt kleine und große Patienten, die ihrer Behinderung gegenüber sehr positiv reagieren. („Innerhalb einer Therapiestunde frage mich ein Mädchen, warum mein Daumen so „komisch“ aussieht. Da ich schon seit meiner Kindheit Fingernägel kaue ist mein rechter Daumen viel kleiner, dicker und anstelle des Nagels befindet sich lediglich teils offene und geschlossene Haut. Ich habe dem Mädchen dann erklärt, dass ich an dieser Hand kein Schmerzempfinden und deshalb den Nagel abgekaut habe. Im ersten Moment war sie ziemlich geschockt und stellte einige Fragen zu meinen Einschränkungen. Nach einer kurzen Erklärung antwortete sie, dass das nicht schlimm sei und sie trotzdem gerne mit mir spiele. Sie bot mir an, mir jederzeit beim Tragen von schweren Spielen zu helfen und wollte fortan aufpassen, dass mein rechter Arm immer „in Sicherheit“ ist).Sie hat sich ihren Arbeitsplatz so organisiert, dass alles in Reichweite liegt.

Schon im Kindergarten hat Jessica mit großer Begeisterung Handball gespielt und viel Unterstützung von ihren Trainern und den anderen Kindern bekommen. Der Handballsport hat ihre Kindheit und Jugend geprägt. Sie war immer so gut wie die anderen, nie schlechter, und wurde auch nicht benachteiligt. (Trainer andere Mannschaften sagten häufig zu ihren Spielern, „passt auf die mit dem kaputten Arm auf“. Mit der Zeit nahm ich dies als Kompliment wahr, anstatt mich darüber aufzuregen oder es als beleidigend zu empfinden).

Im Schulsport war es manchmal schwierig. Eine Mitschülerin blieb ihr besonders unangenehm in Erinnerung. Da Jessica beim Turnen im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten bewertet wurde, fühlte diese sich benachteiligt und protestierte gegen Jessicas „zu gute Note.“

Jessica ist ihren Eltern sehr dankbar. „Sie haben mich als Kind alles machen lassen, auch wenn sie vielleicht Angst hatten. Nie wurde etwas wegen der Plexusparese verboten, ich bin immer ganz hoch geschaukelt und auch schon mal hingefallen. Unsere Situation war aber besonders, mein Bruder hat eine Spina Bifida (hierbei wachsen Strukturen der Wirbelsäule und des Rückens während der Schwangerschaft nicht komplett zusammen).

In ihren Beziehungen ist die Plexusparese kein großes Thema. „Ein früherer Freund war Physiotherapeut der gerne mit mir Übungen gemacht hat“.

Jessicas Botschaft an betroffen Eltern ist:

“Lasst eurem Kind Freiraum. Sperrt sie nicht ein, habt keine Angst, dass euer Kind etwas nicht kann. Ich arbeite auch in einer Einrichtung für behinderte Kinder und sehe sehr viel stärkere Einschränkungen.“